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  • AutorenbildSilvia Gillardon

Verpasst



«Das wird mir nie mehr passieren! Ich schwöre! In Zukunft werde ich meiner Eingebung  und meinem ersten Impuls folgen.»

Der Allerliebste verschränkt die Arme und grinst: «Du doch nicht! Du überlegst doch stets so lange, bis es zu spät ist. Seit ich dich kenne, drückst du dich vor Entscheidungen. Soll ich dir alle Gelegenheiten aufzählen, die Du verpasst hast? Weil du einfach nicht spontan sein kannst?»

Soll er nicht. Aber er tut es trotzdem. «Den niedlichen Dackel, die günstige Hypothek, die Traumwohnung am Hafen und last but not least…»

Ich halte meine Ohren zu. Aber er redet trotzdem weiter - ignoriert meinen drohenden Blick: «Was ist mit dem wunderbaren Gemälde der noch wunderbareren italienischen Familie?» Jetzt hat er meinen Schwachpunkt getroffen! Das Bild! Wenn der Allerliebste gemein sein will, dann landet er immer einen Volltreffer. Weil er mich kennt. (Das funktioniert bei verliebten, aber auch bei weniger verliebten Paaren perfekt! Sie kennen den Code).

Das Bild also! Wir hatten es auf einem Flohmarkt entdeckt. Beide. Gleichzeitig. Und Beide waren wir entzückt. Das Gemälde war keine hohe Kunst, eher ungelenk, naiv, romantisiert.  Vater, Mutter und dazwischen das Töchterchen, alle im Sonntagsstaat, drapiert auf einem Sofa, mit ölig glänzenden Gesichtern, die Hände artig auf dem Schoss gebettet, im Hintergrund drei Ölgemälde mit vergoldeten Rahmen, Beistelltischchen mit Spitzendecken und einem Topf üppig blühender Azaleen. Einfach wunderbar. Berührend. Unschuldig. Und sehr, sehr italienisch.

Und nein, das Bild wäre nicht teuer gewesen. Warum wir nicht zugeschlagen sondern einfach weitergegangen sind, das weiss ich leider auch nicht mehr. In der Erinnerung des Allerliebsten hätte ich ihn trotz seiner Proteste einfach weitergezogen. Vom Glück brutal getrennt, quasi. Er übertreibt, wie immer. Aber lassen wir das mal so stehen. Die Frage ist doch vielmehr: Warum habe ich das herrliche Meisterwerk nicht spontan gekauft? Woher kamen meine Zweifel? Vermutete ich, dass sich jeder vernünftige Trödelmarktbesucher (falls es das überhaupt gibt, «vernünftige Trödelmarktbesucher»?) mit Grausen abwenden würde? Spekulierte ich darauf, dass das kitschige Monstrum auch im nächsten Monat noch da sein würde.   

Von wegen! Seit 3 Jahren scannen unsere Augen nun auf jedem Flohmarkt nach diesem verfluchten Bild. Es hat sich in unseren Köpfen eingenistet. Das hat doch bestimmt keiner gekauft! Und wenn doch, dann hätte er es umgehend zurückgebracht, weil niemand in seiner Sippe den Anblick dieses glücklichen Familienidylls  ertrug? Es konnte doch nicht sein, dass sich ein Anderer ausgerechnet in diese Scheusslichkeit verliebt hatte!

Bis jetzt: Nichts! Irgendwelche Egoisten hocken auf «meinem», sorry, «unserem» Bild. Nur weil sie ahnen, dass wir es unbedingt haben wollen, geben sie es nicht her.

Etwas Gutes hat diese ganze betrüblich Erfahrung allerdings bewirkt: Ich habe mich gebessert. Ich schlage ohne Nachdenken sofort zu, wenn ich etwas Erstrebenswertes erspähe. Inzwischen nenne ich  drei Kerzenständer, eine Keramiksau und fünf Kristallleuchter mein Eigen, ganz zu schweigen von dem Dutzend silberner Brieföffner. Alles nur, um meinem Allerliebsten zu beweisen, wie spontan ich bin. Natürlich haben wir weder Platz noch Bedarf für all diesen «Plunder». Und das Bild, eben daaas Bild, ersetzen kann ich mit diesen schrägen Errungenschaften auch nicht.

«Ich kaufe dieses ganze Zeugs quasi um unser Bild herum. Kreise es ein. So wie jemand, der ganz viel Brot verschlingt, um vom Käse, der daneben liegt, nicht dick zu werden.» Dies wäre vermutlich meine stupide Erklärung, wenn der Allerliebste mich nach dem Sinn meiner hilflosen Notkäufe fragen wurde.

Aber er ist nicht dumm. Er fragt nicht. Dafür bin ich wirklich dankbar. Und halte schuldbewusst weiter Ausschau.




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