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  • AutorenbildSilvia Gillardon

Indoor-Walking


Natürlich bin ich zu dick. Alle, oder wenigstens fast alle, sind wir zu dick. Schuld ist die Schweiz mit ihrer verführerischen Rösti, dem Fondue, der Schokolade, dem Appenzellerkäse.  Aber damit ist jetzt Schluss. Ich warte nur noch darauf, dass am Bildschirm der Link zum Durchstarten aufblinkt.  Dann kann ich mich mit einem Klick endlich auf den Weg begeben «Zur besten Version von dir selbst».  

19 Kilos haben sie mir in der Werbung für ein neues Programm versprochen, innerhalb eines Monats. 19 Kilos! (Weniger natürlich!) Man stelle sich das vor: Das sind mehr als 2 Sixpacks. Und das Wunderbare daran ist, dass ich nicht nur noch Magerquark essen darf oder über die Alpen rennen muss. Im Gegenteil: Ich darf gemütlich in der guten Stube bleiben. Das Programm heisst «Indoor-Walking für Anfänger». Das Wort «Anfänger» irritiert mich zwar ein bisschen, weil ich ja eigentlich schon seit Jahren Indoor-Walking betreibe - zwischen Kühlschrank und Badezimmerwaage - doch bisher leider ohne abzunehmen. Aber die Erfinder müssen ein neues, geheimes Rezept entdeckt haben, unter der Oberflächlichkeit der Speckröllchen sozusagen. Vielleicht treten sie an Ort, während des Putzens, des Zeitunglesens, des Abfassen der Steuererklärung? Ziehen den Bauch auf effizientere Art ein als ich? Hunderte von begeisterten Dankschreiben schildern jedenfalls, wie erfolgreich sie ihr Ziel erreicht hätten: Dünn und mit einem niedrigeren, biologischen Alter.

Natürlich habe ich bei der Beantwortung der Fragen bei der Anmeldung etwas geschwindelt. Man weiss ja, wie das ist im Internet: Der Feind liest mit. Ich habe dem Ziel des Programms etwas vorgegriffen, das heisst, ich habe mein Gewicht etwas heruntergedrückt und mich beim Alter an meinem gefühlten Alter orientiert. Peanuts. Dann werden es nach erfolgreichem Absolvieren des Programms halt ein paar Jährchen weniger und vielleicht nur 13 statt der versprochenen 19 Kilos sein, aber damit kann ich leben.

Die Programmierer nehmen es offenbar gründlich mit ihren Erhebungen. «Wann warst du zuletzt wirklich glücklich mit deinem Gewicht?» wollen sie wissen. Ich kann ankreuzen: «Vor zehn Jahren, vor zwei oder nie»? Natürlich kreuze ich «nie» an. Denn als ich wirklich glücklich war, war mir mein Gewicht sowas von schnurzegal.«

Wo möchtest du am liebsten abnehmen?» Aufgezählt werden diverse Körperteile. Ich wähle «Knie», bin aber plötzlich verunsichert. 19 Kilos abnehmen an den Knien? Das ist mir zu gefährlich. Also nehme ich noch Doppelkinn und Hüfte dazu. Das wirkt glaubwürdiger.

«Bist du Expertin im Schlafen?» Natürlich bin ich das. Ich habe, so rechne ich, in meinem Leben schon 199`360 Stunden lang verschlafen.  Wenn es also stimmt, dass man im Schlaf abnimmt, dass wäre ich schon längst unsichtbar. Und überhaupt: Was hat Schlafen mit Indoorwalking zu tun? Langsam geht mir die Fragerei auf den Geist.

«Welches Lebensereignis ist schuld an deinen Problemen?» Geht’s noch? Was kümmern die meine Lebensprobleme? Was wollen die mit meiner Antwort anstellen? Mich erpressen?

Mir reichts! Wütend haue ich in die Tasten: «Verehrte Damen und Herren: Verschonen Sie mich in Zukunft mit Ihrem Indoor-Walking. Ich bin die beste Version von mir selbst und mein biologisches Alter stimmt mit mir perfekt überein. Ausserdem walke ich durch mein Wohnzimmer, wann und wie es mir gefällt!»

Danach lösche ich blitzschnell die Seite und sicherheitshalber auch den Verlauf.  Bei diesem Internet kann man nie wissen.


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